Dancing at the End of the World
Design & Host
Blickduell

Das Kreischen der Möwen macht mich wahnsinnig. Das sage ich meiner Schwester mit der genervtesten Stimme, die ich zustande bringe, und sie sieht mich an, voller Sorge, voller Resignation. Ich hasse diesen Blick und weiche ihm aus.
   „Monica, versuch doch wenigstens, Cornwall gern zu haben.“
   „Das geht nicht. Dieser Ort ist schrecklich.“
   Sie seufzt. Ich ignoriere die Verzweiflung, die darin mitschwingt und male mit dem stumpfen Bleistift, den ich aus irgendeinem Grund bei mir trage, abstrakte Muster auf die Serviette. Ich mag Cornwall nicht. Ich meine ... ich mag die Poster, die man in London davon kaufen kann. Klippen. Wellen. Gischt. Wildromantische Stimmung. Diese Bilder finde ich toll. Aber ich wollte nie hier wohnen. Es ist mir egal, wenn ich wie ein pubertierender Teenager wirke, nicht wie eine Frau Anfang dreißig. Ich – wollte – nie – hier – wohnen!
   „Monica.“ Die Stimme meiner Schwester ist so neutral wie immer. „Mutter möchte uns nun einmal beide bei sich haben. Stell dir doch vor, wie einsam sie sich nach der Scheidung fühlen muss! Da ist es doch nur natürlich, dass sie ihre Kinder bei sich haben möchte.“
   „Wieso ist sie dann nicht nach London gekommen?“
   „Weil ihr Herz hier zu Hause ist, das weißt du.“
   Ich antworte nicht, und schließlicht steht meine Schwester auf. Sie geht auf die Toilette im Innern des kleinen Cafés, murmelt mir noch zu, ich solle doch endlich Mal lächeln. Ich schneide eine Grimasse. Lächeln? Hier? Ich spiele weiter mit dem Bleistift in meiner Hand und lasse meinen Blick durch das Café schweifen.
   Es ist ja nicht so, dass ich nicht versuchen würde, Cornwall toll zu finden. Die Luft ist frisch; angenehmer als in London. Und die Küste ist tatsächlich – wie auf den Postern – wunderschön. Wenn ich mir jetzt die Mühe machen würde, mich umzudrehen, würde ich die Unendliche Weite des Meeres sehen. Alles in allem ist Cornwall wirklich wildromantisch. Aber da liegt auch das, was mich an ganz Cornwall vielleicht am meisten stört ... auch wen ich das nie zugeben würde. Was nützt mir diese wildromantische Stimmung, wenn ich keinen Mann habe? Ja, das ist der springende Punkt. Von London bin ich es gewöhnt, dass man flirten kann. Überall. Im Zug. Im Büro. Himmel, sogar in einem so kleinen Café könnte man flirten! Aber in Cornwall sind die Männer –
   Mein Blick verfängt sich in dem eines Mannes, der zwei Tische von mir entfernt alleine vor einer Kaffeetasse sitzt und mich intensiv mustert. Ich wende den Blick wieder ab.
   Wo war ich? Ach ja. Die Männer in Cornwall sind alle entweder uninteressant, zu schüchtern zum Flirten, verheiratet oder aber alte, stinkende Fischer. Da kommt keine romantische Stimmung auf.
   Wie von selbst wandert mein Blick wieder zu dem Mann zwei Tische weit weg. Er schaut mir noch immer direkt in die Augen. Was will der denn?! Ich schaue ihn genauer an. Ich schätze ihn auf Mitte Dreißig. Er hat dunkelbraune, halblange Haare, etwas zerzaust ... dunkle Augen ... ein T-Shirt von irgendeinem Jazzfestival ... Gut, er hat also immerhin Musikgeschmack. Aber trotzdem, weshalb starrt der Idiot mich so an?!
Ich starre zurück, wende meinen Blick wieder ab, um einen Schluck Kaffee zu trinken und schaue dann wieder zu ihm, direkt in seine Augen, die mich noch immer fixieren. Ich kneife die Augen leicht zusammen, halte aber überrascht inne, als er herausfordernd eine Augenbraue hebt. Der will ein Blickduell? Na, das kriegt er! Und ich schwöre bei allen Göttern, welche eventuell existieren, ich werde nicht als Erste wegsehen!
Das Kinn auf beide Hände gestützt, schaue ich ihm in die Augen, um einen gelangweilten Gesichtsausdruck bemüht. Er schaut zurück, nur selten zwinkernd. In seinen Augen liegt ein schalkhaftes Funkeln, das ihn sehr sympathisch wirken lässt. Ohne den Blick abzuwenden, hebt er die Tasse, um einen Schluck Kaffee zu trinken, und ich ärgere mich, dass ich das nicht kann und mein Kaffee bestimmt langsam kalt wird. Aber ... eigentlich ist es egal.
   Er schneidet eine Grimasse, meine Mundwinkel zucken. Er lächelt und formt einen Kussmund. Ich verziehe den Mund, da ich die Augen nicht verdrehen kann, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Ich deute auf mein T-Shirt, dann auf ihn und halte den Daumen hoch. Er grinst und nickt. Ha! Ein Jazzliebhaber in Cornwall, wer hätte das gedacht? Ich sicher nicht.
   Der Fremde formt mit der rechten Hand grob ein Telefon und tut so, als würde er es sich ans Ohr halten und sprechen. Dann fängt er an, Finger hochzuhalten. 2. 7. 8. Hä? Als ich begreife, dass er mir seine Telefonnummer geben möchte, reiße ich überrascht die Augen auf. Was denkt der eigentlich? Ich kenne ihn doch gar nicht! Er zeigt mir die Nummer noch einmal von vorne, und wie betäubt bemerke ich, dass meine Hand fast gegen meinen Willen die Zahlen auf die Serviette kritzeln. Ohne den Blick von seinen Augen abzuwenden, nicke ich. Er grinst zufrieden, formt mit dem Mund die Worte »Ruf mich an«, und dann wendet er den Blick von mir ab, legt einige Münzen auf den Tisch und geht. Ha, ich wusste doch, dass ich dieses Duell gewinnen würde.

   Meine Schwester kommt endlich zurück, zwei neue Kaffees tragend. Sie stellt sie auf den Tisch und wirkt überrascht, als sie mein dümmliches und vor allem absolut ehrliches Lächeln sieht.

~*~

(c) by Sandfrauchen

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