Dancing at the End of the World
Design & Host

Aufziehender Sturm 

Er stand vor der kleinen Cottage. Der Himmel war tiefschwarz, nur hie und da war die dunkle Wolkendecke aufgerissen und liess erahnen, dass später – viel später – die Sonne das kleine Dorf erhellen würde. Doch so weit war es noch nicht.
   Es würde Sturm geben.
   Er hatte es bereits gespürt, als er aufgewacht war. Das Gefühl, dass ein Sturm aufzog ... neben dem Gefühl von nagender Angst. Er war diese Emotion längst nicht mehr gewohnt; sie ängstigte ihn ebenfalls und verstärkte seine Furcht so zusätzlich. Ein scharfer Wind blies ihm die dunkelbraunen Haare ins Gesicht und liess ihn frösteln. Er schlang die Arme um seinen Körper, doch es half nicht gegen die Kälte, die von Innen heraus kam.
   Langsam trat er wieder in die Cottage. Seine Schritte schienen unnatürlich laut auf dem Boden zu klingen. Vielleicht ist sie aufgewacht, dachte er mit einem Anflug von egoistischer Hoffnung. Wenn sie aufgewacht ist, kann ich nicht gehen. Wenn sie aufgewacht ist, muss ich hierbleiben. Wenn sie aufgewacht ist, wird alles gut werden ...
   Doch er wusste, dass das nicht stimmte, natürlich wusste er es.
   Er betrat das kleine Schlafzimmer. Wie eine Katze hatte sie sich zusammengerollt, eine Hand unter das Kopfkissen geschoben, auf dem sie den Kopf gebettet hatte. Er trat an das Bett heran, liess sich davor auf die Knie sinken, um sie besser ansehen zu können.
   Cathleen. Er hätte sie stundenlang einfach nur anschauen können. Doch er hatte diese Zeit nicht, das wusste er. Er presste die Lippen fest zusammen, als er sah, dass sie im Schlaf zuckte und sich unruhig bewegte. Sie schien schlecht zu träumen. Ein bitteres Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Fast, als wisse sie, dass er gehen musste.
   Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass die Umgebung sich noch mehr verdunkelt hatte, als es zuvor der Fall gewesen war. Auch das Wetter schien sich anzupassen: Seiner Laune, seinen Plänen ...
   Er seufzte leise und streckte eine Hand nach Cathleen aus. Ein letztes Mal ihr Haar berühren ... einen Kuss auf ihre Wange hauchen ... Doch das durfte er nicht tun, das wusste er.
   Ein erster, grell-weisser Blitz zerriss die Dunkelheit für wenige Sekunden und erfüllte das Zimmer mit einem Licht, das die Haut der Schlafenden so bleich erscheinen liess, dass er beinahe glauben könnte, sie sei tot. Doch sie war es nicht, und sie sollte es auch nicht werden – noch nicht, und erst recht nicht durch seine Hand ... und deswegen musste er gehen. Heute. Jetzt.
   Er liess seinen Kopf auf die Matratze sinken. Er liebte Cathleen, er liebte sie über alles. Sie hatte ihm erst beigebracht, was dieses Wort, geprägt von den Menschen, bedeutete. Liebe.
   Welch Ironie, bedachte man, dass er geschickt worden war, um ihr Leben zu nehmen und sie in die 'andere Welt', wie er sie nannte, zu führen. Er wusste nichts von einem Himmel oder einer Hölle. Er wusste nur, dass die Menschen nach ihrem Tod an einen 'anderen' Ort kamen. Er hatte keine Ahnung, ob es dort besser oder schlechter war als hier, und es hatte ihn auch nie interessiert.
   Doch dann hatte er den Auftrag bekommen, sie zu holen. Cathleen. Ihre Seele war so rein gewesen, dass ihn der Gedanke, sie mit sich zu nehmen, geschmerzt hatte, und als sie ihn zu einem Tee eingeladen hatte, war es ihm erschienen, als habe er keine andere Wahl, als die Einladung anzunehmen.
   Der Todesengel verliebte sich in den Menschen, den er töten sollte. Wie ironisch. Wie verdammt ironisch.
   Langsam schüttelte er den Kopf.
   Er war bei ihr geblieben – und nun musste er sie verlassen. Wenn er nicht ginge, würden andere kommen, um sie zu holen. Sie riefen ihn bereits seit Tagen zum Kampf; er wusste nicht einmal genau, wer 'sie' waren. Andere Todesengel? Seine Auftraggeber persönlich? Was spielte das für eine Rolle? Er würde um Cathleens Leben kämpfen – denn nehmen würde er es nicht.
   »Ich liebe dich«, wisperte er. »Verzeih mir.«
   Dann erhob er sich und verliess die Cottage. Er verschloss die Tür hinter sich fest und atmete tief durch. Es roch sogar nach Sturm. Es roch nach Sturm und nach Salz. Es roch ein wenig nach Cornwall, und für ihn roch es nach Heimat. Nach der Heimat, die er so lange rastlos gesucht hatte.
   Er schob seine Hände in die Hosentaschen – er trug keine Jacke –, sah sich um und begann dann, irgendeinen Weg entlang zu gehen. Wohin er auch laufen würde – er würde ans Ziel kommen, auf die eine oder andere Weise. Und er hatte sich geschworen, dass er Cathleen wiedersehen würde. Er würde siegen, er war sich dessen sicher. Er musste es. Er brauchte Cathleen. Und er wusste, dass sie ihn auch liebte. Er würde für sie siegen ... und für ihn selbst, aus purem Egoismus.
   Er wanderte lange unbekannte, vielleicht namenslose Strassen entlang, ohne sich umzusehen. Eigentlich wollte er sich nicht von Cornwall verabschieden, denn er wusste, dass er wieder hierher kommen würde ... doch als er die malerischen Fischerdörfer hinter sich gelassen hatte, drehte er sich doch wieder um. Der Himmel war noch immer tiefschwarz, der Wind hatte erneut aufgefrischt, und Blitze zuckten über der Grafschaft.

   Ja ... es würde bestimmt Sturm geben.

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(c) by Sandfrauchen
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