Dancing at the End of the World
Design & Host

One Blood 

Wann ist das Leben schon fair?

Sie hat Recht gehabt. Sie hat so verdammt Recht gehabt. Und das ist es, was mich am meisten aufregt. Weil ich genau weiß, welch unterschwellig selbstzufriedenen Gesichtsausdruck sie hätte, wenn sie nun meine Gedanken hören könnte. Das Leben ist nicht fair, war es nie und wird es wohl auch nie sein. Wäre das Leben fair, würde ich jetzt nicht schweigend neben ihr sitzen. Ich säße nicht auf diesem bescheuerten, zerschlissenen, harten Busplatz. Stattdessen säßen wir noch immer bei ihr zu Hause, auf dem Sofa, dicht nebeneinander. Vielleicht würden sich unsere Schultern berühren. Bei diesem Gedanken schließe ich kurz die Augen, sehnsüchtig und verzweifelt.
Wir würden uns eine DVD ansehen, wir würden lachen, Popkorn essen und uns lieb haben. Irgendwie halt. So war es geplant, und es ist unfair, dass es jetzt nicht so ist. Es war nicht geplant, dass ich nach wenigen Stunden mit einem einzigen Satz herausplatze: Ich möchte gerne nach Hause gehen.
Ich konnte ihr danach nicht in die Augen sehen. Doch sie hat nur genickt und mich nach unten gebracht, zur Bushaltestelle.
Es ist spät abends und Winter; es ist schon lange nicht mehr hell. Die Dunkelheit hat sich wie eine tröstende Decke über den Tag gelegt. Der Sonnenuntergang war von dunkeln Wolken verdeckt, dennoch habe ich es genossen, zu sehen, wie der Tag von der Nacht verdrängt wurde, Zentimeter für Zentimeter am Horizont. Das ist normal. Das ist immer so; Tag für Tag. Das ist beruhigend. Beruhigende Routine.
Und vor allem war ich um diese Dunkelheit sehr dankbar, als wir auf den Bus gewartet haben. Wir sind schweigend nebeneinander gestanden, haben beide irgendwo vor uns ins Leere gestarrt und nicht gesprochen. Dabei hätte es so viel gegeben, das ich ihr hätte sagen wollen. Ich hatte mir sogar einen Text zurecht gelegt. Weißt du, hätte ich gerne gesagt, ich habe mich wochenlang darauf gefreut, dich zu sehen. Wirklich zu sehen. Nicht nur mit dir zu telefonieren oder zu chatten. Ich habe gedacht, dass alles gut wird. Das der Abend schön wird. Aber das ist er nicht. Es ist alles anders. Es ist falsch.
Aber ich habe es nicht gesagt. Ich hätte nicht gewusste, wie ich all das richtig hätte formulieren sollen. Wie hätte ich ihr auch sagen können, dass die Stimmung nun falsch war, dass wir uns nicht so unterhalten konnten, wie per Internet oder Telefon? Dass ich sie zwar liebte, aber dass ich genau das nicht ertrug ... nicht so ...
Also habe ich geschwiegen und nur irgendwann gesagt, dass ich gehen will. Das hat auch gereicht. Ich glaube, mit diesem einen Satz habe ich ihr mehr verraten, als es tausend andere Worte hätten tun können.

Der Bus ruckelt unangenehm, und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Kurz wende ich ihr den Blick zu und zucke zusammen. Sie schaut mich an, in den Augen einen unergründlichen Ausdruck, den ich nicht zu deuten vermag. Ich sehe wieder nach draußen; sehe in den strömenden Regen und schweige. Wir schweigen. Zusammen.
Ich schließe die Augen, weil sich vor ihnen alles zu drehen beginnt. Und alles dreht sich um sie. Um uns. Ich will das nicht sehen. Ich ertrage den Anblick nicht.
Sie fragt, weshalb ich schon gehe. Ihre Stimme ist klar und ruhig, und irgendwie verletzt mich das. Ich weiß es doch selbst nicht. Ich möchte sie nicht anlügen, doch das würde ich, wenn ich eine Antwort gäbe. Denn wie kann ich ihr die Wahrheit sagen, wenn ich sie doch selbst nicht kenne? Ich hebe die Schultern und sage gar nichts. Ich schweige, weil ich keine Antwort weiß, und irgendwann, nach langen, unendlich langen Sekunden, spüre ich, dass sie auch keine Antwort mehr erwartet.
Der Bus hält, genau wie schon einige Male zuvor, und doch wirkt es endgültiger. Ich bleibe sitzen und starre hinaus, möchte nicht aufstehen, möchte nicht gehen. Doch sie berührt mich an der Schulter. Ganz flüchtig nur, vielleicht für eine halbe Sekunde. Meine Schulter kribbelt. Sie sagt leise, dass wir da sind, dass wir am Bahnhof sind und dass wir aussteigen müssen. Dass ich jetzt gehen kann. Ich stehe auf, langsam, und verlasse nach ihr den Bus. Der Regen umfängt mich, und die kalten Tropfen wirken beruhigend. Wieder etwas Gewohntes. Ich kenne den Regen, er kennt mich. Er ist immer gleich.
Wir gehen zusammen einige Schritte auf den Bahnhof zu, doch kurz vor dem Vordach bleibe ich stehen. Ich habe das plötzliche, intensive Gefühl, dass ich nicht gehen kann. Ich kann nicht nach Hause gehen. Wie soll ich meinen Eltern auch erklären, dass ich nach einem Tag schon wieder zurückkomme, statt nach den geplanten drei? Aber bleiben kann ich auch nicht.
Sie bleibt ebenfalls stehen und schaut mich fragend an. Ich will ihr sagen, dass sie im Regen, knapp vom Mond beschienen, wunderschön aussieht. Dass das Mondlicht auf ihr aussieht wie eine Flüssigkeit, etwas, das man direkt von ihrer Haut trinken kann. Etwas Bitter-Süßes, das den inneren Schmerz verstärkt und ihn doch so unendlich einfacher zu ertragen macht.
Also, sage ich, ich will ja nicht, dass du den Bus verpasst und dann eine Stunde im Regen warten musst.
Sie schweigt sehr lange und schaut mich nur an, und es kostet mich große Mühe, nicht einfach den Blick abzuwenden.
Doch schließlich nickt sie, sagt, dass das nett sei und verabschiedet sich. Bis bald, sagt sie, im Chat vielleicht. Ich widerspreche nicht.
Ich möchte sie umarmen, doch sie lächelt mir nur noch einmal zu und dreht sich dann um, geht zu ihrem Bus zurück. Kaum, dass sie eingestiegen ist, fährt er los, und ich starre den Lichtern nach, starre auf die gelbe Zahl, welche die Linie benennt. 89. Das Licht der Schweinwerfer verwandelt die fallenden Regentropfen in glitzernde Sternensplitter.
Der Regen fällt nun heftiger.

Ich weiß nicht, wie lange ich stumm dastehe und warte. Ich weiß nicht einmal, worauf ich warte. Vielleicht auf eine Eingebung. Ich habe ja immer schon darauf gewartet, dass mir gesagt wird, was ich mit meinem Leben anzufangen habe, aber mir wird erst jetzt bewusst, dass das niemand tun wird. Ich hatte irgendwie den seltsamen Gedanken, dass sie es mir sagen würde. Doch das kann sie nicht. Diesem Gedanken wohnt etwas Herablassendes bei, und ich schäme mich im nächsten Moment dafür. Sie hat mir so sehr geholfen, und ich habe nicht das Recht, so über sie zu denken. Sie tut doch schon das Möglichste für mich. Ich sollte ihr dankbar sein.
Mit diesem Gedanken gehe ich los, und ich laufe am Bahnhof vorbei, passiere die Gleisschienen und halte kurz inne, um dann schnelleren Schrittes weiterzulaufen. Der Regen nimmt weiter an Intensität zu; er scheint mich wegschwemmen zu wollen. Der Wind ist ebenfalls stärker geworden und bringt meine Haare durcheinander, aber es ist mir egal. Ich schalte meinen Mp3-Player ein, und es laufen die ersten Klänge von One Blood an. Ich schließe kurz die Augen. Unser Lied. We were one blood ... Ich schüttle den Kopf. So gerne ich das Lied auch wegdrücken würde, ich kann es nicht. Ich schaffe es einfach nicht. Es erzählt von der Vergangenheit, von schönen Dingen.
Ich habe dieses Lied gehört, als ich ihr geschrieben habe, dass ich mich in sie verliebt habe. Es ist auch gelaufen, als sie zurückgeschrieben hat, als sie voller Rührung geantwortet hat, als sie mir irgendwie Hoffnungen gemacht hat.
Wieso also sollte dieses Lied nicht auch laufen, wenn ich das Gefühl habe, dass alles kaputt gegangen ist?
Ich seufze leise, doch das Geräusch wird vom Wind und von dem lauten Donnergrollen mitgenommen und weit fortgetragen.
Es ist verlockend. So verlockend. Es ist verlockend, sich einfach in den Schmerz fallen zu lassen, der an der Oberfläche so weich aussieht. Er würde mich Willkommen heißen wie ein alter Freund ... was er ja auch ist. Er würde mir die Umarmung schenken, die sie mir nicht geben konnte; die Wärme, die sie nicht einmal für sich selbst, geschweige denn für mich hat. Aber unter der ersten Ebene des Schmerzes warten Messer und Klingen ... rasiermesserscharf. Ich bemerke die Tränen auf meinen Wangen erst nach einigen Sekunden. Ich wische sie nicht weg; sie vermischen sich mit den Regentropfen.
Ich beschleunige meine Schritte noch einmal, und jedes Mal, wenn ich den Fuß auf den Boden setze, hallt dieser eine Gedanke in meinem Kopf. Schritt. Ich liebe sie. Schritt. Ich liebe sie. Schritt. Ich liebe sie.
Ich sollte mich damit abfinden, dass sie mich nicht liebt und es niemals tun wird. Wie soll sie denn auch mich lieben, wenn sie nicht einmal sich selbst lieben kann?
Es beginnt sich wieder alles zu drehen, und ich bin kurz davor, mich einfach auf den Boden sinken zu lassen. Ich habe das Gefühl, dass meine Beine mich nicht mehr tragen, doch ich tue das Gegenteil. Ich gehe noch einmal schneller, laufe weg, laufe vor meinem Leben weg, um mein Leben zu finden.
Mein Zugticket war teuer, doch es scheint sich nun zu lohnen: Es gilt für das ganze Jahr und für ganz Europa, ich werde einfach irgendwo einsteigen können. Ich hatte vor zu reisen. Das kann ich jetzt. Nicht wahr?
Ich denke nicht an meine Eltern, ich kann nur an sie denken. Wird sie sich Sorgen machen? Der Akku meines Handys ist leer; ich werde mich nicht melden können ... egal. Ich muss weg. Weg von hier, von allem, von jedem. Weg von mir.
Ich laufe weiter, und ich weiß nicht, wo ich landen werde, aber das spielt auch keine Rolle. Ich laufe weiter, laufe davon. Und irgendwann werde ich irgendwo ankommen. Und dann wird vielleicht alles gut ... auch wenn das Leben niemals fair ist.
Ich drücke die Wiederholungstaste an meinem Mp3-Player. One Blood.

~*~

(c) by Sandfrauchen

Gratis bloggen bei
myblog.de